Technische Analyse

ATR (Average True Range) erklärt – mit Stop-Loss-Beispiel

Die Average True Range (ATR) misst, wie stark sich ein Wert pro Periode typischerweise bewegt – Kurslücken eingeschlossen –, gemittelt über 14 Perioden.

Was die ATR misst

Die Average True Range ist ein Volatilitätsindikator, den J. Welles Wilder Jr. 1978 im selben Buch wie den RSI vorstellte. Sie beantwortet eine praktische Frage: Wie weit bewegt sich dieser Wert normalerweise in einer Periode? Eine Aktie mit einer ATR von 2 € schwankt typischerweise rund 2 € zwischen Tageshoch und -tief; verdoppelt sich die ATR, ist der Markt doppelt so nervös geworden.

Wilder entwickelte sie für Rohstoffmärkte, an denen die Kurse oft mit Lücken zur Vorsitzung eröffnen. Deshalb nutzt sie die „wahre“ Spanne statt der einfachen Hoch-Tief-Spanne: Auch eine Kurslücke ist Volatilität, selbst wenn sie entstand, während der Markt geschlossen war.

So wird die ATR berechnet

Zuerst wird für jede Periode die True Range (TR) bestimmt und dann geglättet, standardmäßig über 14 Perioden:

TR  = max(Hoch − Tief, |Hoch − Vortagesschluss|, |Tief − Vortagesschluss|)
ATR = (vorherige ATR × 13 + heutige TR) ÷ 14

Beispiel: Der gestrige Schlusskurs lag bei 48, heute liegen Hoch und Tief bei 52 und 49. Die Tagesspanne beträgt nur 3, gemessen vom Vortagesschluss aber |52 − 48| = 4 – also ist TR = 4. Lag die vorherige ATR bei 2,50, ergibt sich als neue ATR (2,5 × 13 + 4) ÷ 14 ≈ 2,61. Unsere Charts verwenden diese 14-Perioden-Variante nach Wilder.

So nutzt du die ATR – Stops und Positionsgröße

Weil die ATR das normale Rauschen abbildet, hilft sie, Stop-Loss-Orders außerhalb dieses Rauschens zu platzieren. Angenommen, du kaufst eine Aktie bei 50 € mit einer ATR von 2,50 €. Ein Stop zwei ATR unter dem Einstieg liegt bei 50 − 5 = 45 € – weit genug weg, um an einem gewöhnlichen Tag nicht ausgelöst zu werden, nah genug, um den Verlust zu begrenzen. Willst du auf diesen Trade höchstens 500 € verlieren, ergibt sich eine Positionsgröße von 500 ÷ 5 = 100 Aktien. Ein volatilerer Wert bekommt so automatisch einen weiteren Stop und eine kleinere Position.

Auch zum Vergleich von Werten taugt die ATR. Durch den Kurs geteilt ergibt sich die ATR %: 2,50 € bei einer 50-€-Aktie sind 5 % am Tag, 30 € bei einer 3.000-€-Aktie nur 1 %. Eine steigende ATR im Ausverkauf ist typisch – Angst weitet die Spannen –, eine sehr niedrige ATR geht oft einem Ausbruch voraus.

Grenzen und typische Fehler

Die ATR sagt nichts über die Richtung: Sie steigt im Crash wie in der Rally. Außerdem blickt sie zurück; ein plötzlicher Schock wie Quartalszahlen oder eine Zinsüberraschung kann eine Bewegung von mehreren ATR auslösen, bevor der Indikator nachzieht.

Da sie in Kurseinheiten angegeben wird, lassen sich ATR-Werte verschiedener Werte oder sehr unterschiedlicher Kursniveaus nur über die ATR % vergleichen. Und auch ein Stop „zwei ATR entfernt“ schützt nicht vor Kurslücken: Eröffnet eine Aktie weit unter deinem Stop, wird die Order zum nächsten verfügbaren Kurs ausgeführt.

Häufige Fragen

Welcher ATR-Wert ist gut?

Es gibt keine gute oder schlechte ATR – sie misst nur die typische Bewegung. Entscheidend sind die ATR im Verhältnis zum Kurs (ATR %) und im Vergleich zur eigenen Historie des Werts; eine deutlich höhere ATR als üblich signalisiert einen ungewöhnlich volatilen Markt.

Wie setzt man einen Stop-Loss mit der ATR?

Verbreitet ist ein Abstand von 1,5 bis 3 ATR zum Einstiegskurs, damit normale Schwankungen den Stop nicht auslösen. Je größer das Vielfache, desto weniger Fehlausstiege – desto kleiner muss aber auch die Position sein, damit das Risiko gleich bleibt.

Bedeutet eine hohe ATR, dass der Kurs fällt?

Nein. Die ATR misst die Spanne, nicht die Richtung. Im Ausverkauf steigt sie oft, weil Angst die täglichen Ausschläge vergrößert – sie steigt aber auch in starken Aufwärtsbewegungen.

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